Orgel von Gottfried Rohlfs
1794

Fund alter Abschriften eines Textes aus dem frühen 13.
Jahrhundert
Der sensationelle Fund befindet sich im Auricher
Staatsarchiv.
Überblicksbeschreibung:
- Guilelmus Peraldus: Summa de vitiis et virtutibus
Guillaume Peyraut (vor 1200-1271) war ein durch
seine populäre Abhandlung über die Tugenden und Laster ('Summa de vitiis et virtutibus', um
1260) überaus bekannter französischer Dominikanermönch und Theologe. Er
lebte in Lyon und wird von einer späteren Hand am Ende des Manuskriptes
als Wilhelm von Burgund bezeichnet (171v). Die 'Summa'wurde
ein Standard-Nachschlagewerk in den Bibliotheken der Dominikaner, die sich
sowohl in Köln als auch in Lüttich niedergelassen hatten. Das Manuskript
ist schwer zu lokalisieren, da es nur zurückhaltend mit filigranen
Federinitialen ausgestattet wurde. Der Text wird mit einer
zweifarbigen Lombarde (Initialmajuskel) in Rot und Blau eingeleitet
(6r), die mit dichtem Fleuronnée gefüllt ist. Am
Textblock entlang breiten sich Zierleisten in Rot und Blau aus. Die
gesamte Abhandlung beginnt mit einer sehr viel prächtigeren Initiale
dieses Typs (1r), deren blauer Buchstabenkörper zum Binnenraum hin mit
einer Goldleiste eingefaßt ist, auf der sich in
Weiß ausgespart ein kleiner Drache und ein Narr tummeln. Innerhalb der
Initiale bildet dichtes rotes und violettes Federfiligran ein Schachbrett,
auf dessen Einzelfeldern sich kleine Drachen schlängeln. Zierleisten mit
roten und blauen Ornamentformen auf goldenen Stegen formen hier einen
dreiseitigen Rahmen. Ähnliche Initialen schmücken die ca. 1330 für den
Aachener Dom (Domschatz, Mss. 14-15 und 22-25)
und 1320-1334 für die Stiftskirche Hl. Kreuz in Lüttich (Mss. 1-2, und Musée d'art religieux et d'art mosan) gefertigten Chorbücher (J. Oliver, in: BSADL 60
[1995], S.47ff.). Während die in den Fleuronnée-Initialen
häufigen Drachen möglicherweise rein dekorativ gemeint sind, könnte man
den ungewöhnlichen trompetespielenden Narren als
dämonische weltliche Versuchung interpretieren, gegen die Peraldus in diesem Text schimpft. Er verurteilt
öffentlich tanzende Frauen, indem er sie mit Heuschrecken vergleicht, die
aus dem Schlund des Abgrundes aufsteigen, wie es in der Apokalypse des
Johannes (9, 2-11) beschrieben wird: "Aus diesem Rauch kamen Heuschrecken,
das sind Sängerinnen und Tänzerinnen, die nicht von Vernunft beherrscht
sind, sondern wie unverständiges Vieh in Schwärmen einfallen ... die
diabolische Horde der Liedersänger überwältigt allein mit ihrem Spott und
Hohn die Guten und bringt jene zu Fall, die sich bereits auf den Flügeln
der Tugend zu einem vollkommenen Leben aufgeschwungen hatten ..." (vgl. C. Page,
The Owl and the Nightingale, Berkeley 1989, S.126ff. und 196ff.). Autor des Textes: Judith Oliver.



